Die stille Vermögensabgabe der deutschen Arztpraxen
Bei der Privatabrechnung (GOÄ) gibt es 4 Steigerungsstufen für jede Leistungsziffer:
- 1,0 — einfacher Satz (selten verwendet)
- 1,8 — persönliche Leistungen des Arztes ohne besondere Schwierigkeit
- 2,3 — Regelsatz (Standard-Anwendung)
- 3,5 — maximaler Satz (bei besonderer Schwierigkeit, Zeitaufwand, Umständen)
Die überwältigende Mehrheit aller Privatrechnungen in Deutschland läuft pauschal mit 2,3. Obwohl in mindestens 15-25% der Fälle 3,5 begründbar und rechtssicher wäre.
Das ist kein Grauzonen-Trick. Das ist die GOÄ, wie sie gedacht ist. Nur nutzt sie fast niemand.
Was der Unterschied konkret bedeutet
Eine typische Hausarzt-Beratung (Ziffer 1):
- GOÄ-Einfachsatz Ziffer 1: €4,66
- 1,8-fach: €8,39
- 2,3-fach: €10,72 (Standard)
- 3,5-fach: €16,32
Differenz 2,3 → 3,5: +€5,60 pro Fall (+52%). Bei einer Praxis mit 40 Privatpatienten/Woche und 3 durchschnittlich relevanten Ziffern pro Fall:
- 40 × 3 × €5,60 = €672/Woche potenzielles Plus
- Bei nur 20% korrekter Anwendung von 3,5 → €134/Woche = ~€6.700/Jahr
Das ist der Mittelwert. Bei Fachärzten mit höherem GOÄ-Anteil: €10.000 – €25.000/Jahr zusätzlich möglich.
Wann ist 3,5 begründet?
Die GOÄ (§ 5 Abs. 2) erlaubt 3,5, wenn:
> "die Bemessung nach den Regelhöchstwerten (2,3) der Schwierigkeit und dem Zeitaufwand der einzelnen Leistung sowie der Umstände bei der Ausführung nicht gerecht wird."
In der Praxis bedeutet das drei häufige Konstellationen:
1. Besonders aufwändige Anamnese / Differentialdiagnostik
Beispiel: Patient mit unklaren Beschwerden, 5+ Vorerkrankungen, multiple Medikamenten-Interaktionen zu prüfen.
Begründungs-Template: "Komplexe Differentialdiagnostik bei Multimorbidität (5 Vorerkrankungen) mit Medikamenten-Interaktionsprüfung erforderlich."
2. Erhebliche Zeit-Intensität
Beispiel: Beratung dauert 25 Min statt der üblichen 10 Min weil Patient viele Fragen hat oder Kontext komplex ist (Patient in Pflegestufe 3, Familien-Anliegen, etc.).
Begründungs-Template: "Erheblicher Zeitaufwand von 25 Min aufgrund komplexen Krankheitsbildes und ausführlicher Aufklärung Angehöriger."
3. Besondere technische / apparative Schwierigkeit
Beispiel: Infiltration bei adipösem Patient, EKG-Befundung mit unklaren Rhythmus-Störungen, schwierige Punktionen.
Begründungs-Template: "Technisch erschwerte Ausführung aufgrund anatomischer Besonderheiten / pathologischer Befund-Konstellation."
Die 3-Schritte-Systematik für Ihre Praxis
Schritt 1: Typisieren Sie Ihre Patient-Kategorien
Erstellen Sie eine Praxis-interne Liste von Patient-Kategorien, bei denen 3,5 systematisch in Frage kommt:
- Chroniker mit 3+ Erkrankungen
- Pflegestufe 2+
- Multimedikation (> 5 Dauermedikamente)
- Patienten über 80
- Komplexe psychische Komorbidität
- Fälle mit Angehörigen-Kommunikation nötig
Je nach Fachrichtung erweitern.
Schritt 2: Begründungs-Templates vordefinieren
Erstellen Sie pro Kategorie einen vorformulierten Begründungstext (30-60 Wörter). So muss bei der Abrechnung nur noch 1 Klick passieren: Kategorie → Text einfügen → fertig.
Die GOÄ verlangt eine nachvollziehbare schriftliche Begründung — nicht mehr.
Schritt 3: Konsequente Erfassung
Bei jedem Privat-Fall: MFA oder Arzt markiert während der Behandlung in der Kartei eine Kategorie aus der Liste. Bei Abrechnung wird automatisch der Steigerungsfaktor + Begründung gesetzt.
Zeitaufwand pro Fall: 20-30 Sekunden zusätzlich. Umsatz-Impact: durchschnittlich +€8-15 pro Fall mit 3,5-Faktor.
Was die Krankenversicherung zurückschickt
Wichtig zu wissen: Die PKV zahlt 3,5 nur bei plausibler Begründung. In manchen Fällen schreibt sie zurück: "Wir können die Steigerung nicht nachvollziehen, bitte 2,3 abrechnen."
Das ist kein Problem, sondern Teil des Systems. Sie können:
- Argumentieren mit weiterer Begründung (50% Erfolgs-Quote)
- Akzeptieren und auf 2,3 korrigieren
- Patient anschreiben, dass seine PKV nicht den vollen Satz übernimmt
Wichtig: Die PKV-Rückfrage ist kein "Strafverfahren" gegen Sie. Es ist verhandlungsfähig.
Häufige Bedenken (und warum sie falsch sind)
"Aber dann lehnt die PKV alles ab." Erfahrung aus 80+ PraxisAudits: ~85% der 3,5-Begründungen werden akzeptiert, wenn die Begründung konkret ist (nicht "Aufwändig", sondern "25 Min aufgrund Multimorbidität").
"Die Patienten ärgern sich." Nein. Patienten sehen nur die Schlussrechnung. Bei 3,5-Faktor ist ihre Rechnung ca. 20-30% höher. Wenn PKV zahlt, ist es ihnen egal. Wenn sie selbst etwas draufzahlen müssen, ja — aber dann passt auch eine korrekte 2,3-Abrechnung.
"Ich habe keine Zeit für diese Feinheiten." Der Punkt ist gerade, dass man keine Zeit pro Fall zusätzlich braucht, wenn Templates vordefiniert sind. Es geht um 30 Sekunden Kategorie-Klick bei Fall-Abrechnung.
Unser konkretes Vorgehen im PraxisAudit
Im PraxisAudit (€490) machen wir bei GOÄ-Fällen Folgendes:
- Letzte 3 Monate Privatabrechnungen auswerten
- Anteil 2,3 vs. 3,5 quantifizieren
- Patient-Kategorien-Liste erstellen für Ihre Fachrichtung + Patient-Struktur
- Begründungs-Templates (20-30 Stück) vorformulieren
- Einfacher Workflow-Vorschlag (MFA markiert Kategorie bei Anmeldung)
- 30-Tage-Pilot dann Review
Finding in nahezu jedem Audit: €3.000 – €8.000/Jahr zusätzlich nur durch saubere GOÄ-Steigerung.
Der direkte Start für Sie
Wenn Sie das heute angehen wollen, ohne Audit:
- Öffnen Sie Ihre letzten 30 Privatrechnungen
- Zählen Sie: wie oft stand 2,3 drin, wie oft 3,5?
- Wenn 3,5 unter 15% Ihrer Fälle ist: da ist Potenzial
- Wählen Sie 5 Patient-Kategorien (siehe oben) und definieren Sie jeweils einen Begründungstext
- Schulen Sie Ihre MFAs in 15 Min: "bei Kategorie X → Faktor 3,5"
- 60 Tage laufen lassen, dann bewerten
Sie haben nichts zu verlieren. Die schlimmstmögliche Konsequenz ist, dass die PKV einige Fälle zurückfragt — und Sie 2,3 nachreichen.
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Der Mehrumsatz aus diesem einen Hebel allein zahlt das Audit (€490) typischerweise im ersten Monat zurück.